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Orpheus in der Unterwelt


Orpheus in der Unterwelt

Operette von Jacques Offenbach

Eine Operette in ungewöhnlicher Gestalt – ohne großes Orchester, dafür mit Combo-Klängen und schrägem Witz. Der Opern-, Theater- und Filmregisseur Philipp Stölzl kreiert mit Schauspielern und Sängern einen »neuen Offenbach«.

Brauchte Offenbach Leben und Betrieb – am Tag der Uraufführung des »Orpheus« kam er auf seine Kosten. Was sich an diesem Tage alles im Direktionszimmer der Bouffes-Parisiens zutrug, veranschaulicht eine Schilderung des Journal amusant, die sich ungeachtet ihrer Übertreibung nicht allzu sehr von der Wirklichkeit entfernen mochte. Zum mindesten geht aus ihr hervor, welches Bild die Pariser sich von dem »Mozart der Champs-Élysées« machten:

»Offenbach nimmt gerade ein paar Änderungen an der Partitur der kleinen Flöte vor, da meldet man ihm, dass Fräulein Tautin, die Darstellerin der Eurydice, ein echtes Tigerfell verlange, weil sie sonst nicht in bacchantische Stimmung gerate. Dann treten nacheinander mehrere Deutsche ein, die in ihrer Eigenschaft als Landsleute Freikarten erbetteln. Kaum sind sie hinausbefördert, so wird Offenbach davon verständigt, dass die kleine Flöte einen Fieberanfall habe und heute Abend nicht spielen könne. Drei geheimnisvolle Herren tauchen auf und verschwinden wieder; offen bar die Gerichtsvollzieher. Ein Kommissionär gibt einen Brief ab, in dem ein Anonymus, zweifellos der Autor eines von Offenbach zurückgewiesenen Manuskripts, während der Premiere Krach zu schlagen droht. Der Theaterportier berichtet aufgeregt, dass eben das Gasrohr in der Straße geplatzt sei; das Innenministerium fordert noch verschiedene Striche; Ville messant erscheint im Türrahmen und ersucht Offenbach, ihm unverzüglich bei einem Duell Sekundanten dienste zu leisten.«

Nachdem die gesellschaftliche Arbeit am Bilde des Orpheus vollendet war, wuchs er unaufhaltsam über den Rang eines bloßen Theaterstücks hinaus und wurde zum Wahrzeichen der Epoche. Die Musik des Orpheus setzte mit unwiderstehlicher Kraft alle Beine in Tätigkeit; sei es, dass die Füsilierregimenter nach ihren Klängen defilierten, sei es, dass man – in den Tuilerien so gut wie in jedem Vorstadtlokal – zu ihren Walzer- und Galoppmelodien tanzte. Der Cancan bot ja auch willkommene Gelegenheit, die charmantesten Dessous zu zeigen, die sich unter den Krinolinen verbargen.

Mit dem »Orpheus« war das Genre der Offenbachiade geschaffen. Alle späteren großen Operetten Offenbachs kamen aus dieser. Sie hielten dem Zweiten Kaiserreich den Spiegel vor und halfen es zugleich sprengen. Und stets brach neu der Kampf um sie aus, der nach der »Orpheus«-Premiere begonnen hatte. Man pries diese Operette als eine einzigartige Selbstdarstellung ihrer Zeit; man geißelte sie als Werkzeug der Demoralisation. Während irgendein deutscher Musikschriftsteller 1863 die Musik des »Orpheus« eine »Bordellmusik« nennen zu müssen glaubte – das Wort »Kulturbolschewismus« existierte damals noch nicht –, erkannte Nietzsche in den Bouffonnerien Offenbachs die »supremste Form der Geistigkeit«. Die Urteile schwanken je nach den gesellschaftlichen Verhältnissen, denen sie entstammten oder Rechnung zu tragen beabsichtigten. Noch heute sind die Prozessakten über die »Offenbachiade« nicht geschlossen.

Siegfried Kracauer

 

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